Vorzeigemodelle
Woran können wir uns orientieren?

- Dr. Erik Schmid
Interview mit Dr. Erik Schmid, Landesveterinär Vorarlberg, über das "Vorarlberger Modell" (Bregenz, 15.03.2010)
Was ist Ihre Meinung über die Initiative "Mehr Platz für Hunde"?
Ich sehe eine allgemeine Zunahme der Hundefeindlichkeit in Österreich und begrüße daher die Initiative "Mehr Platz für Hunde". Ich bin davon überzeugt, dass es gerade jetzt wichtig ist, Maßnahmen zu setzen, die zum harmonischen Miteinander von Mensch und Hund beitragen. Ich werde die Initiative auch gerne mit Rat und Tat unterstützen. Zum Beispiel habe ich bereits etliche Vorschläge zur Gesetzesänderung zugunsten dem Wohl von Hunden und Hundehaltern vorgelegt und diese auch in der Öffentlichkeit vertreten. Ich freue mich schon darauf, wenn Österreichs Hunde endlich mehr Platz und Freiheit bekommen.
Was genau ist das "Vorarlberger Modell" und wie kam es zustande?
In Vorarlberg - genauer gesagt im Rheintal - haben sich die 4 Gemeinden Götzis, Mäder, Altach und Koblach zusammengetan, um ein gemeinsames Programm für Hundehalter auszuarbeiten.
Basis des Modells war die Aufteilung des Gemeindegebietes in 4 Zonen:
- Hundeverbotszonen - z.B. Spielplätze
- Hundekontrollzonen - Leinenpflicht, z.B. öffentliche Straßen, auch zum Schutz des Hundes
- Hundeführzonen - keine Leinenpflicht aber strenge Gehorsamspflicht des Hundes, z.B. Gehwege in der Hundefreilaufzone - Hund kann frei laufen wenn er folgt und im Einflussbereich des Halters bleibt (virtuelle Leine), z.B. Spazierwege, stark begangenen Wanderwege gelb markiert.
- Hundefreilaufzone - alle übrigen Gebiete und mit Einverständins der anderen Teilnehmer in der Begegnunssituation, zB Wanderwege rot und blau markiert. Freilauf hat nicht mit "Streunen lassen" zu tun.
Außerdem wurden "Hundetreffs" eingerichtet, das sind eingezäunte kleine Flächen wo Hunde und deren Halter sich treffen können. Diese sind auch mit Infrastruktur (Mistkübel) ausgestattet. Schätzungsweise 80 % des Ortsgebiets der 4 Gemeinden sind inzwischen vom absoluten Leinenzwang befreit.
Wie wurde das Modell in ihren Gemeinden akzeptiert und durchgesetzt?
Bereits in der Vorbereitung zur Einführung wurden verschiedene Interessensgruppen wie Jäger, Landwirte und und natürlich die Bürger einbezogen. Es stellte sich bald heraus, dass das Thema "Hundekot" besonders brisant war. Außerdem war die ständig präsente "Kampfhundedebatte" ein Thema. Negativ war auch der Einfluss von diversen Medienberichten. Denn es wird über Hunde nur dann berichtet "wenn etwas passiert". Die Leute haben daher völlig überzogene Vorstellungen von der Gefährlichkeit von Hunden.
Wie wurde dieser negativen Berichterstattung/Einstellung entgegengewirkt?
Den Vorbehalten wurde durch exakte Kommunikation und Information der Bürger entgegengewirkt. Schließlich zeigte sich, dass das Verhältnis zu Hunden sehr stark von persönlichen Erfahrungen geprägt ist, wer mit Hunden negative Erfahrungen hatte stimmte auch im Gemeinderat dagegen. Hundehalter unter den Abgeordneten dagegen mit "Ja". Letztlich gab es eine klare Mehrheit für das Modell. Und ich bin davon überzeugt, dass es in 80% der Gemeinden nur ein paar engagierte Mandatare braucht, um eine ähnliche Regelung durchzusetzen. Wenn dabei zusätzlich geholfen wird (Kostenübernahme) ist das noch leichter.
Was sind die wichtigsten Voraussetzungen für die Durchführung eines derartigen Modells?
Ich sehe da fünf wesentliche Voraussetzungen für die Einführung eines solchen Modells:
1. Kennzeichnungspflicht: Rücksichtslose Hundehalter müssen auch erkannt werden. Verstöße wie z.B. das Liegenlassen von Kot müssen rigoros geahndet werden.
2. Versicherungspflicht: Haftpflicht für alle Hunde, Bonus-Malus-System zum Vorteil verantwortungsvoller Halter.
3. Ausbildungspflicht: Sachkundenachweis für Trainer und Halter; hier hilft das Modell, dass z.B. für die Absolvierung eines Kurses die Hundesteuer erlassen wird.
4. Laufende Information und Kommunikation auch zwischen Hundehaltern und Hundegegnern. Für Ausbildung und Kommunikation haben wir vom Verein für Qualitätssicherung in der Hundehaltung ein eigenes Programm "HundeFit im Alltag" entwickelt.
5. Aufstellen von ausreichender Infrastruktur (Kotsäckchen) zur Vermeidung von Problemen.
Welche Maßnahmen wurden gesetzt um darüber genauer zu informieren?
Hier gibt es eine Reihe von Initiativen, die sich bewährt haben:
- Hundepräsentation in Schulen und Kindergärten, damit Kinder keine Angst vor Hunden haben und richtig mit ihnen umgehen lernen
- Gemeinde-Bürgerbefragungen – um Probleme rasch zu erkennen und reagieren zu können
- Aufklärung der Hundehalter durch die Gemeinde: Rechte, Pflichten, Tipps
- Aufklärung von Nicht-Hundehaltern wie man Hunden im Alltag begegnet. Und warum die Hundehaltung für die Gesellschaft generell ein Gewinn ist.
Wie ist die generelle Situation in Vorarlberg (gesetzlich,politisch,soziologisch)?
Die einzelnen Gemeinden regeln die Hundehaltung sehr unterschiedlich im Rahmen des sehr weit gefassten Landesrechtes. Bregenz ist sehr restriktiv, es gibt keine Freilaufzonen. Die Umsetzung hängt jeweils von der personellen Situation in der Gemeinde ab. Gibt es einen engagierten Hundehalter im Gemeinderat, dann sieht es auch für die Hunde besser aus. Die Hundesteuer ist - wie überall in Österreich - nicht zweckgewidmet. Es gibt aber einzelne Gemeinden, die z.B. für die Absolvierung von Kursen die Hundesteuer erlassen.




